Matrixnummern entschlüsseln: Erstpressungen im Secondhand erkennen
Wer im Secondhand-Laden oder auf dem Flohmarkt nach wertvollen Schallplatten stöbert, kommt an einem Detail nicht vorbei: den Matrixnummern in der Auslaufrille, auch “Deadwax” genannt. Diese eingravierten oder gestempelten Codes zwischen letzter Rille und Etikett verraten, ob man eine echte Erstpressung, eine spätere Auflage oder gar ein Bootleg in der Hand hält. Wer diese Codes lesen kann, trifft beim Stöbern im Regal in Sekunden eine fundierte Kaufentscheidung, ganz ohne Internetverbindung. Und genau das macht den Unterschied zwischen einem Fünf-Euro-Fund und einer Platte, die auf Discogs 150 Euro bringt.
Was sind Matrixnummern überhaupt?
Jede Schallplattenseite besitzt eine eigene Matrixnummer, die beim Mastering-Prozess in die Metallmatrize geschnitten wurde. Man findet diese Zeichenfolge im unbespielten Ring zwischen Etikett und letzter Tonrille, meist so klein, dass man die Platte schräg ins Licht halten muss. Typischerweise enthält sie:
- Eine Katalognummer (oft identisch mit der auf dem Cover)
- Eine Seitenkennung (“A” oder “-1”, “B” oder “-2”)
- Ein Kürzel des Presswerks oder Mastering-Studios
- Handgeschriebene Initialen des Masterings-Ingenieurs
Maschinell geprägt vs. handgeschrieben
Entscheidend für die Alterseinschätzung ist die Art der Eingravur:
- Gestempelte/geprägte Nummern: meist maschinell beim Pressvorgang aufgebracht, oft bei Erstpressungen zu finden
- Handgeschriebene Nummern (Etched): vom Mastering-Techniker per Hand in die Lackfolie geritzt, häufig mit persönlichen Initialen wie “RL” (Robert Ludwig) oder “STERLING”
Handschriftliche Initialen großer Mastering-Studios wie Sterling Sound, Masterdisk oder Capitol Mastering gelten bei Sammlern als starkes Indiz für eine frühe, hochwertige Pressung. Manche Sammler kaufen eine Platte fast ausschließlich wegen dieser drei Buchstaben, der Rest ist für sie Nebensache.
Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Laden
- Platte vorsichtig herausziehen und gegen das Licht halten. Der Deadwax-Ring ist oft schwer lesbar, manchmal hilft auch die Taschenlampe am Handy im flachen Winkel.
- Katalognummer vergleichen: Stimmt sie exakt mit der auf dem Cover überein? Abweichungen deuten auf Reissues hin.
- Suffix prüfen: Eine “-1” oder “A1” am Ende weist meist auf die erste Stanzung hin. Höhere Zahlen wie “-5” oder “A3” bedeuten spätere Nachpressungen derselben Matrize.
- Presswerk-Code identifizieren: Kürzel wie “PR” (Presswerk Pitman), “SP” (Scranton) oder europäische Codes wie “MA” geben Aufschluss über Herkunft und Zeitraum.
- Mit dem Smartphone recherchieren: Discogs-App öffnen, Release suchen und die dort hinterlegten Matrixnummern der verschiedenen Pressungsvarianten abgleichen. Zwei Minuten Arbeit, aber sie können über zehn Euro oder hundert entscheiden.
Typische Fallstricke beim Thrift-Shopping
- Identisches Cover, andere Matrix: Covers werden oft über Jahre unverändert nachgedruckt, während sich die Matrize ändert. Nur die Auslaufrille verrät die wahre Pressung.
- Promo- vs. Handelspressungen: Promo-Exemplare tragen oft zusätzliche Codes wie “DJ” oder “NOT FOR SALE” und sind separat zu bewerten, teilweise sogar wertvoller als die reguläre Ausgabe.
- Barcode als Ausschlusskriterium: Enthält das Cover bereits einen Strichcode, handelt es sich fast immer um eine Pressung nach 1972 bis 1975, je nach Land. Faustregel: kein Barcode, keine automatische Garantie für Original, aber ein Barcode schließt eine echte Erstpressung praktisch aus.
- Runout-Etchings von Reissue-Labels: Labels wie Music on Vinyl oder Mobile Fidelity kennzeichnen ihre Nachpressungen klar in der Auslaufrille. Praktisch für die Identifikation, aber eben nicht mit Originalen zu verwechseln, auch wenn der Klang oft hervorragend ist.
Praktisches Beispiel
Bei einer Beatles-LP auf Parlophone finden sich in der Auslaufrille oft Kürzel wie “XEX 637-1”, gefolgt von Presswerk-Initialen. Die “-1” markiert die erste Stanzung der Matrize, während spätere Pressungen “-2” oder “-3” tragen. Sammler zahlen für die früheste Stanzung oft ein Vielfaches des Preises späterer Varianten, obwohl Cover und Katalognummer identisch aussehen. Auf den ersten Blick wirkt das fast absurd: zwei Platten, gleiches Artwork, gleicher Preisaufkleber im Laden, und trotzdein liegt ein Faktor fünf oder mehr zwischen ihnen.
Fazit
Matrixnummern in der Auslaufrille sind der zuverlässigste Fingerabdruck einer Schallplatte, oft aussagekräftiger als Cover oder Etikett. Wer beim Stöbern im Thriftstore systematisch Katalognummer, Suffix und Presswerk-Code prüft und per App gegenrecherchiert, erkennt Erstpressungen zuverlässig und vermeidet teure Fehlkäufe. Mit etwas Übung wird das Entziffern des Deadwax zur schnellen Routine, kaum langsamer als ein Blick aufs Cover. Und aus einem gewöhnlichen Fund im Plattenregal kann so, ganz unerwartet, ein echter Schatz werden.